Karl-Markus Gauß
Von der Schwierigkeit, Österreich zu entdecken

Von Karl-Markus Gauß
Die längste Zeit wurde Österreich gepriesen oder verdammt, es kommt aber darauf an, es zu entdecken. Wer zu ihm vordringen möchte, muss den Zauberwald der Idyllen hinter sich lassen und die sieben Berge der Geschichtslosigkeit überwinden. Dahinter liegt ein Land, das den Verklärern Österreichs nicht gefallen mag und von dem die Verächter überzeugt sind, es wäre gar nicht vorhanden. Verwechseln jene Österreich mit der Harmonie, die sie über das gesellschaftliche Leben verhängt haben, identifizieren diese es mit dem Zwang, den solche Harmonie in Wahrheit bedeutet. Wonach es die einen gelüstet, ekelt die anderen, aber es ist derselbe Knochen, an dem sie kauen, genüsslich oder würgend, je nachdem.

Die Repräsentanten der unheilbaren Gemütlichkeit und ihre Kritiker freuen sich des nämlichen Bildes, das sie von Österreich haben: Einmal ist es in die Idylle mit Goldrand gefasst, einmal in den schwarzen Kitsch der Verdammung getaucht. Ist Österreich erst um seine widersetzlichen Traditionen und subversive Kraft gebracht, kann man es sich komfortabel einrichten, gleichviel ob im Behagen der Zustimmung oder im Behagen der Ablehnung. Bequem lebt es sich im Vorurteil, und billig ist es auf seinen Schienen zu denken. Ob man dabei nicht etwas übersehen hat? Dass nämlich nicht nur die aggressiven Propagandisten von Ruhe und Ordnung Österreicher sind, sondern auch jene, die diese Propaganda um den inneren Frieden bringt. Dass nicht bloß das Mittelmaß etwas Österreichisches ist, sondern auch die Revolte wider die Diktatur der Mediokrität. Ja, dass nicht nur der Mörder, der im burgenländischen Oberwart vier Roma in die Luft sprengte, Österreicher war, sondern dass es auch die Ermordeten gewesen sind.

Nur wer sich ihr fügt, kann die Zwangsharmonie für das Wesen Österreichs halten; nur wo die Geschichte verleugnet und denen kein Respekt gezollt wird, die wider Enge und Zwänge revoltierten, mag der Wahn, Österreich akzeptiere einzig das Mittelmaß, sich fröhlich entfalten. Ein öder Wiederholungszwang klappert im Lob wie in der Schelte Österreichs. Jenseits davon aber ist ein Österreich zu finden, von dem die Verklärer mit ihrer selektiven Zuneigung nichts wissen möchten und um das sich die Verächter mit ihrer umfassenden Abneigung niemals bemüht haben. Erst wenn die Idyllen durchquert sind und die Geschichtslosigkeit überwunden ist, kann man es sehen. Es ist nicht leicht zu entdecken, aber es existiert.

Aus: Ins unentdeckte Österreich. Paul Zsolnay-Verlag

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